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Was an der Wall Street passiert, weiß der deutsche Journalist Tim Schäfer genau. Wie er selbst investiert, welche Rolle Warren Buffett dabei spielt und was die Amerikaner seiner Meinung nach von Deutschen lernen können.  

 

Mein-KohleEinstieg.de: Welche Eigenschaften helfen an der Börse?

Tim Schäfer: Man braucht Geduld – das ist unheimlich wichtig. Die Börse schwankt. Auf kurze, mittelfristige Sicht, aber auch auf Sicht von zehn, 20, 30, 40 Jahren ist es die überlegene Anlageform. Der S&P 500 legt seit 100 oder 50 Jahren im Schnitt um zehn Prozent zu. Das ist fantastisch. Es gibt keine andere Anlageformen, die so viel Rendite bringt, wie die Aktie. 

 

Was bist Du für ein Anlegertyp?

Ich mache es ganz konservativ: Ich kaufe Aktien – so wie es Warren Buffett macht – und halte sie. Viele Blue Chips, ein paar Familienkonzerne. Ich besitze SAP, Bank of America, Berkshire Hathaway. Ich kaufe sie und verkaufe sie nie mehr. Ich lasse sie einfach liegen und während ich warte, kassiere ich Dividenden oder profitiere von Kurssteigerungen.

 

Wann investierst Du?

Immer wenn Geld übrig ist. Wenn ich etwas gespart habe, investiere ich das. Ich kenne keine bessere Anlageform. Ich habe immer so vier, fünf oder 6.000 Euro in meinem Girokonto als Notreserve. Aber mit allem, was darüber hinausgeht, kaufe ich sofort Aktien – auch kleinere Aktienpakete. Auch Mini-Orders für 1.000, 2.000 oder 3.000 Euro reichen.

 

Warum Buy & Hold?

Wenn du aktiv bist, bist du meiner Meinung nach auf der Verliererseite. Trading lohnt sich nicht. Man hat Transaktionskosten, dann macht man Fehler. Steuern sind auch ein großes Thema: Du musst Gewinne versteuern, gerade in Amerika mit 25 Prozent auch auf ein langfristiges Investment. 

Überleg mal, man hat einen großen Gewinn und dann geht so viel Geld ans Finanzamt. Dann lass das Investment laufen. Man müsste ja zur gleichen Zeit ein Investment finden, das 25 Prozent günstiger ist – und das ist nicht einfach. Hat man eine gute Firma im Depot, lässt man sie einfach laufen. Denn eine gute Firma wird auch weiterhin gute Rendite bringen. 

 

Dein letztes Top- & Flop-Investment? 

Das Top-Investment: Ich habe zwei 50facher, die haben sich also verfünfzigfacht. Das war einmal Netflix, die habe ich für 5.100 Euro gekauft. Die sind heute eine Viertelmillion Dollar wert, weil sich das Fernsehverhalten ändert. Die Leute schauen nicht mehr linear. Sie wollen schauen, wenn sie Zeit haben und interessante Sachen sehen. Deswegen ist Netflix explodiert. 

Dann habe ich noch CTS Eventim gekauft. Die ist auch ums 50fache gestiegen von 2.500 Euro. Heute sind sie sechsstellig. Die machen Konzerte und Events. Das ist ein Riesenthema, weil gerade jüngere Menschen mehr auf Erlebnisse, Konzerte, Events, Sport, Olympia setzen. Die haben sich auch fantastisch entwickelt und heute ist sie über 100.000 Euro wert, was mal einen Einsatz von 2.500 Euro war – mit “Buy & Hold”. 

Ich habe aber auch Pennystocks – nicht viele, aber genug. Da ärgere ich mich drüber, die bleiben im Depot. Zum Beispiel Minenaktien: Da habe ich einige Tausend verloren und dann habe ich noch eine Bank gehabt, die ist leider pleite gegangen.

 

Darf man zocken?

Kann jeder entscheiden wie er will. Ich mache es nicht. Ich kaufe und halte die Aktien ganz langfristig. Ich denke gar nicht ans Verkaufen. Das ist meine Philosophie. Es gibt Leute, die können zocken und sind damit erfolgreich. Das kann ich niemandem vorschreiben. Soll jeder machen, wie er denkt. 

 

Wann trennst Du Dich von einer Aktie?

Ich kaufe die Aktien ja, um sie langfristig zu halten. Ich denke nicht ans Verkaufen, ich will nicht verkaufen. Aber ich würde mich dann auch einbringen als Aktionär auf einer Hauptversammlung – als Journalist kann man auch Fragen stellen. 

Ich glaube, anstatt wegzulaufen, sollte man beteiligt bleiben und sich einbringen, vielleicht auch kritisch. Man kann Fragen stellen, zur Hauptversammlung gehen, gegen etwas stimmen. Vielleicht auch einen Artikel schreiben oder etwas bloggen. Man hat viele Möglichkeiten, aber man muss nicht unbedingt die Aktie verkaufen.

 


Tim Schäfer ist Journalist und hat nebenberuflich eine Ausbildung zum Aktien-Analyst gemacht. Seit 2006 lebt er in New York und berichtet über die Wall Street unter anderem für Börse Online und Euro am Sonntag sowie auf seinem Blog und seinem YouTube-Kanal.


 

Bildquelle(n):

  • Dollars in the wallet on table: Colourbox
Redaktion

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