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Für Finanz-Coach Claudia Müller sind nachhaltige Geldanlagen die Zukunft. Trotzdem investiert sie auch in ETFs, die ihren Ansprüchen nicht immer gerecht werden. Wie wichtig ist ihr Moral beim Investieren?

 

 

Mein-Kohleeinstieg.de: Du hast verraten, dass nachhaltige Geldanlagen ein Herzensthema von Dir sind. Welche Rolle spielt Moral beim Anlegen für Dich?

Claudia Müller: Finde ich ganz schwierig. Ich gebe zu, ich habe auch den MSCI World im Programm oder an ähnlichen Fonds und da ist natürlich sowas wie Apple drin, von denen wir wissen, dass sie Kinderarbeit in ihrer Zuliefererkette tolerieren. Da ist auch etwas aus der Rüstungsindustrie drin. Da ist was drin, wo ich generell sagen würde: Das unterstütze ich nicht.

Aber im Gesamtprodukt – zugunsten der breiten Diversifizierung – komme ich nicht wirklich drumherum. Ich versuche aber eben immer wieder zu schauen, was gibt es Neues auf dem Markt? Welche neuen Indizes gibt es? Die EU arbeitet momentan an einer Definition von Nachhaltigkeit. Wenn wir auf europäischer Ebene schonmal eine einheitliche Definition hätten, wäre das schon mal sehr schön.

Wenn meine Strategie wäre, aktiv in einzelne Unternehmen zu investieren, würde ich stärker selektieren. Dann würde ich ganz bewusst nicht in manche Branche investieren oder in manche Unternehmen.

Dadurch, dass ich das aber nicht für sinnvoll erachte, habe ich momentan auch moralisch die breite Streuung. Sowohl mit einem breitgestreuten World-ETF, als auch mit einem ETF, der die Idee ESG – das steht für “Environmental Social Governance”, also ökologische und soziale Nachhaltigkeit und Governance, also gute Unternehmensführung also Transparenz und so weiter – die sich da das Beste auf dem Markt abbilden. Wobei man ganz klar sagen muss: Das Beste auf den Markt heißt nicht, dass es gut ist.

Und dann habe ich einen nachhaltigen Fonds, in den ich über eine nachhaltige Bank investiere. Der ist dann aktiv. Das heißt: Höhere Kosten, aber dafür auch die garantierte Nachhaltigkeit mit null Prozent Kinderarbeit, null Prozent Rüstung, null Prozent Alkohol, null Prozent Tabak.


Die Abkürzung ESG steht für “Environmental, Social and Governance” und bezeichnet Kriterien, mit denen nachhaltige Anlagen bewertet werden:

  • Environmental bezieht sich auf Umweltaspekte, wie Umweltverschmutzung, Energieeffizienz oder den CO2-Ausstoß.
  • Mit Social sind soziale Aspekte, wie gesellschaftliches Engagement und Diversity Management, aber auch Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz gemeint.
  • Unter dem Punkt Governance wird bewertet, wie nachhaltige die Unternehmensführung in den Bereichen Ökonomie, Ökologie und Soziales ist.

Wer in nachhaltige Anlagen investieren will, kann sich an den Kriterien orientiert und so Unternehmen oder ganze Branchen auswählen oder ausschließen. Es gibt zahlreiche ETFs und Fonds, die nach der ESG-Idee investieren.

 

Glaubst Du, Green Finance ist nur ein Trend?

Klar, in zwei Jahren interessiert auch der Klimawandel keinen mehr. Blödsinn! Ich bin davon überzeugt, dass es kein Trend ist, dass es in zehn Jahren Mainstream ist. Ich bin überoptimistisch.

Es für kein Weg daran vorbei: Wir können nicht weiterhin in Kohlekraftwerke investieren. Die Werke haben keine Zukunft. Und nur weil wir zu verbohrt sind, das zu ändern, heißt das nicht, dass es sich nicht ändern wird. Einfach weil es muss.

Ich glaube, der Überlebensdrang der Menschen ist so stark, dass sie das einsehen werden und ich hoffe, dass sie das eher bald einsehen, als später. Aber ich bin überzeugt davon, dass in zwanzig Jahren das Verhältnis eher andersrum ist: Die große Messe auf der Invest ist grün und der Rest ist irgendetwas anderes.  

 

Wie wählst Du nachhaltige Anlagen aus?

Nur der Chart reicht nicht – und das ist eben gerade bei Nachhaltigkeit wichtig, daran zu erinnern. Nur weil etwas ökologisch und nachhaltig ist, heißt das nicht, dass es auch wirtschaftlich sinnvoll und tragfähig ist, dass es ein vernünftiges Geschäftsmodell hat. Das muss eben auch gegeben sein.

Das heißt, Nachhaltigkeit ist nur ein weiterer Aspekt, den ich in der Investitionsbetrachtung mit einbeziehen kann. Aber er darf keinen anderen Faktoren verdrängen. Wenn ich überhaupt erstmal davor stehe, zu investieren, sollte ich mir überlegen: Was sind eigentlich meine Ziele? Was sind meine Ansprüche? Daraus resultiert dann, für welchen Zeithorizont möchte ich das Geld investieren und in welche Art von Investitionen.

Das heißt, möchte ich in Aktien investieren? Wieviel möchte ich vielleicht in Anleihen investieren? Oder möchte ich eigentlich in eine Immobilie investieren? Dann verändert das auch mein Verhalten. Zuallererst muss ich bei mir selbst anfangen und überlegen was meine Ziele sind und dann gegebenenfalls eben auch, was sind meine Werte, um dann die passenden Investitionsstrategie dazu zu entwickeln.

Wenn ich jetzt sage: Okay, ich möchte wirklich an der Börse in Aktien investieren. Dann sollte ich mir wieder überlegen, wieviel risikoreich, wieviel risikoarm? Also wie viel in Aktien, Anleihen möchte ich da drin haben. Dann sollte ich mir anschauen möglichst breit zu streuen, also viele verschiedene Industrien, Branchen, viele verschiedene Regionen. Möglichst kostengünstig, das heißt eben wie ist der Ausgabeaufschlag?

Dann schauen, was sind die Kriterien, die ich an einen Fonds habe? Möchte ich einen der die Dividende ausschüttet oder einen der reinvestiert? Da ist es eben wichtig bei sich selbst anzufangen und die eigenen Ziele, Präferenzen und Strategie zu klären.


Claudia Müller hat früher bei der Bundesbank gearbeitet. Mittlerweile ist sie selbstständige Finanz-Coachin und möchte mit dem “Female Finance Forum” Frauen den Umgang mit Geld und Finanzen näherbringen.


 

Bildquelle(n):

  • hands holding young plant. Ecology concept: Colourbox: hands holding young plant. Ecology concept
Redaktion

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