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Was an der Wall Street passiert, weiß der deutsche Journalist Tim Schäfer genau. Wie er selbst investiert, welche Rolle Warren Buffett dabei spielt und was die Amerikaner seiner Meinung nach von Deutschen lernen können.

 

Mein-KohleEinstieg.de: Wie ist die Stimmung an der Wall Street gerade?

Tim Schäfer: Die Leute sind schon ein bisschen vorsichtig und alle erzählen, dass jetzt bald irgendwann die Rezession kommt, die Kurskorrektur. Aber sie kommt einfach nicht. Die Stimmung ist abwartend, positiv.

 

Gibt es  einen Unterschied zwischen den USA und Deutschland?

Die Aktienquote: Jede zweite Familie besitzt Aktien. In Deutschland ist sie viel, viel geringer. Du hast viele Superreiche und viele Reiche. Elf Millionen Millionäre. Das sind mehr Menschen in den USA, die reich sind, als Bürger in Griechenland oder Portugal. Das ist eine Riesenmasse an Reichen. 

Aber es ist schon eine Konsumgesellschaft. Man gibt viel Geld für Restaurants, Entertainment, Konzerte und Autos und so weiter aus. Es ist zweigeteilt: Es gibt Superreiche und Superarme.

 

Was können Deutsche von Amerikanern lernen? 

Den Optimismus, den Wagemut, die Zuversicht. Die Risikobereitschaft, etwas zu investieren, um davon vielleicht auch zu profitieren. Die Zugänglichkeit, der Smalltalk – die Begrüßung ist viel netter, finde ich. Die Ungezwungenheit: Das lockert viel mehr auf, wenn man sagt: “How are you?”, “How is you going?”. Das finde ich nett und das könnten die Deutschen auch lernen.

 

Was könnten Amerikaner von uns lernen?

In Europa finde ich zum Beispiel die Nachhaltigkeit gut. Dieser Trend, dass man sich Gedanken macht zum Umweltschutz, zu sozialen Aspekten. Da sind die Europäer und gerade auch die Deutschen schon Vordenker. Da könnten die Amerikaner sich ein bisschen was von abschneiden.

 

Geförderte Altersvorsorge auch für Deutschland?

Auf jeden Fall! Der Staat müsste die Regelung schaffen. Die Schulen sollten den Menschen auch Finanzwissen beibringen, weil es in der Konsumgesellschaft unheimlich wichtig ist, dass man spart und sich nicht mit zehn Kleinkrediten und einer Riesen-Hypothek hochgradig verschuldet. Niemandem ist geholfen, wenn die Leute gerade so über die Runden kommen. 

Altersarmut ist auch ein Problem, gerade hier. Die Gesellschaft altert sehr stark in Deutschland und da sollte man sich schon Gedanken machen, dass man von tausend Euro aus der gesetzlichen Rente im Monat nicht langfristig leben kann. Das reicht vorne und hinten nicht, für Miete, Lebensmittel, Versicherungen, Handyvertrag, Strom und so weiter und so fort. Man braucht mehr als das.

 

Wie hat Trump auf den Aktienmarkt gewirkt? 

Er hat die Steuern gesenkt und das gefällt den Unternehmen. Sie zahlen weniger Steuern und wenn sie investieren, haben sie mehr Vorteile. Sie können zum Beispiel die Investitionen sofort abschreiben, wenn sie im Inland ist. 

Er hat Amerika als Standort gefördert. Wenn eine deutsche Firma dahin geht, ist das auch gut, weil sie viele Steuervorteile hat. Das hat den Unternehmen beim Kursgewinn geholfen. Was man von ihm persönlich halten mag, kann ich nicht beurteilen. Er ist umstritten, viele Sachen sind umstritten bei ihm, aber was die Aktienmärkte angeht, hat er geholfen.

 


Tim Schäfer ist Journalist und hat nebenberuflich eine Ausbildung zum Aktien-Analyst gemacht. Seit 2006 lebt er in New York und berichtet über die Wall Street unter anderem für Börse Online und Euro am Sonntag sowie auf seinem Blog timschaefermedia.com und seinem YouTube-Kanal.


 

Bildquelle(n):

  • Germany and United States of America: Colourbox
Redaktion

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