0
Wenige Deutsche beschäftigen sich mit den Themen Finanzen und Geldanlage. Denn: Wir haben oft das Gefühl, dass Finanzen etwas sehr Negatives sind, sagt Benjamin Wendt. Dabei sei es noch nie leichter als heute gewesen, sich selbstständig darum zu kümmern.

 

 

Mein-KohleEinstieg.de: Warum sollte ich mich überhaupt selbst um meine Finanzen kümmern?

Benjamin Wendt: Ich bin davon überzeugt, dass man sich mehr mit seinen Finanzen auseinandersetzen sollte. Es gilt diese alte Regel: Wenn ich es nicht mache, dann macht es jemand anderes. Eigentlich gibt es keinen Ausweg. Solange du hier in der kapitalistischen Welt leben willst, sind Finanzen immer ein Teil. Wir haben leider oft das Gefühl, dass Finanzen was sehr Negatives sind. Prinzipiell ist Geld neutral. Uns prägt sich allerdings oft ein, dass es für Dinge verwendet wird, die nicht so positiv sind wie Krieg. Viele haben wenig Geld und müssen hungern.

Für mich als Familienvater ist Geld natürlich auch ein elementarer Teil. Mit Geld können wir schöne Dinge tun. Wir können uns ein Haus mieten, wir können in den Urlaub fahren, wir können ein Auto kaufen oder was auch immer. Es war wichtig, dass ich ein positives Gefühl dafür bekomme. Auch bei mir kam das durch die Prägung. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich eigentlich zu wenig Geld habe. Ich denke, viele leben in diesem Mangel-Gefühl. Das führt dazu, dass wir nie genug Geld haben werden. Es wird uns dadurch immer durch die Finger rinnen, weil wir ja schon so an das Thema herangehen.

Ich war damals selbständig im Jahr 2016. Ein Finanzberater sagte mir: “Du musst etwas für deine Altersvorsorge tun. Du zahlst nicht ich in die gesetzliche Rente ein.” Stimmt, da hatte er recht, dachte ich. Ich habe aber null Bock gehabt, mich damit zu beschäftigen. So geht es den meisten. Er zeigte mir ein Finanzprodukt: “Da zahlst du jetzt ein. Und später musst du dann weniger Steuern auf die Auszahlung zahlen, blablabla.” Irgendwann habe ich es unterschrieben, ohne dass ich es wirklich verstanden hatte. Aber: ”Jetzt habe ich etwas für meine Rente gemacht.”

Das lief so die Jahre vor sich hin und dann habe ich durch Simon, viele Gespräche, Podcasts und Blogs angefangen, mich mehr mit dem Thema Finanzen zu beschäftigen. Meine Frau hat auch gesagt: “Kümmere dich mal mehr darum.” Dann habe ich in meinem Fall diese fondsgebundene Rentenversicherung angeschaut. Ich habe festgestellt: “Ja toll, du zahlst jetzt hier seit Jahren ein und damit eigentlich nur Tausende von Gebühren abgezahlt. Sonst ist da nicht viel bei rausgekommen.” Das war für mich ein Signal-Moment: “Das kann ja nicht sein. Es gibt ja genug Leute, die haben ausreichend Finanzen. Die müssen ja irgendetwas anders machen”. Ich glaube nicht daran, dass einige einfach mehr Glück im Leben haben. Natürlich sind die Umstände anders, aber wenn du dich mit etwas intensiv beschäftigst, hast du eine Chance etwas zu verändern. Und das war für mich dieser Signal-Moment.

Warum machen das so wenige?

Ich denke, dass wir durch unser System, in Schule und Erziehung, grundsätzlich nicht geprägt werden, sehr freiheitlich und selbstverantwortlich zu denken. Es wird zwar oft behauptet, ist meines Erachtens aber nicht so. Wenn man sich unser Schulsystem anschaut, da wird gesagt: “Hier in diesem Jahr hast du das zu lernen, im nächsten Jahr das.” Es gibt bestimmte Lernziele. Es wird nicht nach Interessen vorgegangen. Man kann zwar wählen, aber prinzipiell ist es sehr vorgegeben. Die Kultusministerien legen fest, was der Bildungskanon ist. Viele wundern sich ja auch, warum junge Erwachsene gar nicht wissen, wo sie im Leben hin wollen. Dann sage ich immer: “Haben wir denn gefragt vorher?” Wir haben ihnen doch jahrelang vorgegeben, was sie zu tun und zu lassen haben. “Setz dich 45 Minuten auf den Stuhl und höre jetzt zu!” oder “Diskutiere über ein Thema!” Für mich ist ein Grundsatz, dass wir grundsätzlich gar nicht nach dem Motto aufwachsen, selbständig zu denken. Das ist vielleicht für ein Arbeitsumfeld manchmal auch gar nicht gewünscht. Da will man auch oft Menschen haben, die bestimmte Dinge erfüllen. Wir merken aber in der aktuellen Zeit, dass es nicht mehr funktioniert und wir immer mehr Mitarbeiter und Menschen brauchen, die selbständig kreativ denken. So finden wir Lösungen für Probleme finden, die wir in der Vergangenheit gar nicht lernen konnten, weil es sie noch nicht gab.

Und so denke ich es auch beim Thema Finanzen: Wir müssen dieses selbständige Denken erst einmal erlernen. Viele sind unzufrieden mit ihrem Status quo. Aber sie sind wiederum nicht wirklich bereit, zu sagen: “Okay, dann setze ich mich mal hin und fange an zu recherchieren, zu lesen.” Dabei war es noch nie leichter als heute. Früher musste man sich ein Buch kaufen, vielleicht noch in die Bibliothek oder eine Zeitung lesen. Und dieses neue Buch kam erst in einem halben Jahr oder die nächste Zeitung eine Woche später. Heutzutage hat man eine Riesenmöglichkeit. Es ist eine unglaubliche Chance. Vielleicht überfordert manche das große Angebot. Trotzdem halte ich es für super wichtig. Ich denke, die Barriere ist oft das fehlende Bewusstsein. Viele wissen nicht, dass sie die Möglichkeit und die Chance haben, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Es scheint ihnen zu weit weg. Aktien, Immobilien? “Ich habe gerade keine Hunderttausender Tasche, um mir die Wohnung zu kaufen.” Wenn man sich aber hinsetzt und es sich von Profis erklären lässt, die auch wirklich ihre Ziele erreicht haben, sinkt diese Mystik. Auf einmal wird es greifbar, dass auch du und ich eine Eigentumswohnung oder eine Aktie kaufen können und mit bestimmten Regeln morgen nicht gleich alles weg ist Aber: Dafür muss man halt auch bereit sein, sich hinzusetzen und Wissen anzueignen.

 


Benjamin Wendt von verstehe-deine-finanzen.de hat gemeinsam mit Simon Bender einen Online-Kongress über das Finanzwissen organisiert. Ihre Vision ist es, die finanzielle Bildung der Menschen in diesem Land einen großen Schritt voranzubringen.


 

Bildquelle(n):

  • Unhappy face on box, business woman on white background, busines: Colourbox
Redaktion

Welche Aktien sind für Euch moralisch tabu?

Previous article

Wie macht man Finanzen sexy?

Next article

More in Interview

Comments

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may also like